Scania-Wasserstoff-LKW fährt 1.000 km und überquert mit echter Ladung den Brennerpass
Ein Scania 40 R-Prototyp mit Wasserstoffantrieb hat in Norditalien einen groß angelegten Praxistest begonnen. Der Südtiroler Logistikdienstleister Gruber Logistics setzt die dreiachsige Zugmaschine seit Mai 2026 im kommerziellen Güterverkehr ein, unter anderem für Nestlé, Procter & Gamble, ABB, Verallia Italia und die regionale Brauerei Birra Forst. Es ist das erste Mal, dass ein schwerer Wasserstoff-Lkw in Italien echte Ladungen im täglichen Logistikbetrieb transportiert.
Ein Test auf der Brennerroute
Der Lkw wird auf dem Korridor zwischen Italien und Deutschland eingesetzt, quer durch die Alpen über den Brennerpass. Das ist bewusst so gewählt: bergiges Gelände, lange Fahrten und hohe Belastung sind genau die Bedingungen, unter denen sich der Wasserstoffantrieb in der Praxis beweisen muss. Der Versuch ist Teil von ZEFES (Zero Emission Fleet for European Sustainability), einem von der EU finanzierten Projekt mit einem Volumen von rund 39 Millionen Euro, in dem 9 verschiedene emissionsfreie Zugmaschinen in ganz Europa getestet werden: 6 batterieelektrische und 3 mit Wasserstoff. Ziel ist es, insgesamt bis zu eine Million Kilometer an Praxisdaten zu sammeln. An ZEFES beteiligen sich 40 Partner aus 14 Ländern.
Was steckt unter der Kabine?
Scania hat den Wasserstoff-Lkw auf der bestehenden batterieelektrischen Plattform aufgebaut und darauf das Brennstoffzellensystem gesetzt. Die technischen Daten:
- 4 Wasserstofftanks mit zusammen 56 kg bei 700 bar
- Brennstoffzelle mit 300 kW
- Elektromotor mit 400 kW
- Akkupaket mit 416 kWh (davon 345 kWh nutzbar)
- Betankung in 20 Minuten mit vorgekühltem Wasserstoff bei 700 bar
- Schnellladen über CCS2 mit maximal 350 kW
- Verbrauch: 0,1 kg Wasserstoff pro Kilometer plus 1,1 kWh pro Kilometer
Laut Scania beträgt die Gesamtreichweite mit vollem Tank und voller Batterie rund 1.000 Kilometer: 690 km aus den Wasserstofftanks und 310 km aus dem Akku. Der zweite Wert ist praktisch besonders wichtig: Selbst wenn die Wasserstofftanks leer sind, bleibt der Lkw als reines BEV noch einige hundert Kilometer einsatzfähig.
Warum dieser Test interessant ist
Gegenüber einer vergleichbaren batterieelektrischen Zugmaschine bietet diese FCEV-Konfiguration drei betriebliche Vorteile: eine größere ununterbrochene Reichweite, eine Betankung in 20 Minuten statt längerer Ladestopps und die Flexibilität, dass sich Wasserstoff-Tankinfrastruktur an abgelegenen Knotenpunkten leichter dezentral errichten lässt als schwere Schnelllader. Dem stehen reale Einschränkungen gegenüber: Das Tankstellennetz für Wasserstoff-Lkw steckt in ganz Europa noch in den Kinderschuhen, und die Produktions- und Verteilkette für grünen Wasserstoff muss noch deutlich hochskaliert werden.
Was das für die Branche bedeutet
Für den schweren Straßengüterverkehr ist dies einer der ersten Tests, bei dem ein Wasserstoff-Lkw nicht auf einer abgesperrten Strecke oder Demonstrationsroute fährt, sondern schlicht Waren für große Auftraggeber ausliefert — unter normalem Zeitdruck, auf normalen Routen und mit normaler Ladung. Die hier gesammelten Daten zu Verbrauch, Zuverlässigkeit und betrieblicher Einbindung sind genau die Bausteine, die der Markt braucht, um FCEV-Lkw von Pilotprojekten in ernstzunehmende Flotten zu überführen. Der Test läuft auf einem der meistbefahrenen europäischen Güterkorridore — das macht die Ergebnisse unmittelbar vergleichbar mit dem Alltag niederländischer und deutscher Transportunternehmen.
Quellen:
- Scania Group und Gruber Logistics: Pressemitteilungen zum Start des Tests (Mai 2026)
- TrasportoEuropa: technische Daten Scania 40 R FCEV
- ZEFES-Projekt: Projektinformationen und Partnerübersicht
- Hydronews.it und Uomini e Trasporti: italienische Berichterstattung